Ein seitlicher Riss im Reifen wirkt manchmal wie ein kleiner Schönheitsfehler, kann aber die tragenden Schichten des Reifens beschädigen. Ich zeige, woran du einen gefährlichen Flankenschaden erkennst, warum er entsteht und wann nur noch der sofortige Reifenwechsel infrage kommt. Besonders bei Transportern und Nutzfahrzeugen entscheidet die zusätzliche Last darüber, wie schnell aus einem sichtbaren Riss ein ernstes Sicherheitsproblem wird.
Ein Riss an der Reifenflanke ist ein Sicherheitsfall
- Nicht weiterfahren: Bei einem tiefen Riss, einer Beule, sichtbaren Fäden oder Luftverlust das Fahrzeug abstellen.
- Keine Reparatur: Schäden an der Seitenwand lassen sich in der Regel nicht dauerhaft und sicher reparieren.
- Ursachen prüfen: Häufig sind Bordsteinkontakt, zu niedriger Luftdruck, Überlastung oder Reifenalterung verantwortlich.
- Fachbetrieb einschalten: Die Kontrolle muss außen und innen erfolgen, meist nach der Demontage des Reifens.
- Achse mitdenken: Bei stark unterschiedlicher Profiltiefe kann es sinnvoll sein, beide Reifen einer Achse zu ersetzen.
Ein seitlicher Riss ist fast nie ein Fall für Flickzeug
Die Reifenflanke, also die Seitenwand zwischen Felge und Lauffläche, arbeitet bei jeder Fahrt stark. Sie wird ständig verformt und trägt gemeinsam mit der Karkasse, dem tragenden Gewebe im Reifeninneren, einen Teil der Fahrzeuglast. Ein Riss kann diese Struktur schwächen, selbst wenn der Reifen zunächst noch Luft hält.
Ich rate deshalb zu einer einfachen Entscheidung. Ein sichtbarer Schnitt, Riss oder eine Beule an der Seitenwand bedeutet: nicht normal weiterfahren, sondern prüfen und meist ersetzen lassen. Der ADAC nennt Beschädigungen der Seitenwand wie Schnitte, Risse, Einstiche und Beulen als Schäden, bei denen eine Reparatur normalerweise nicht möglich ist.
Ein kleines Loch in der Lauffläche ist etwas anderes. Dort kann ein Reifenfachbetrieb unter bestimmten Voraussetzungen eine fachgerechte Reparatur von innen durchführen. An der Flanke fehlen dafür jedoch die nötigen Sicherheitsreserven. Reifendichtmittel, Gummikleber oder ein äußerer Reparaturstreifen sind hier keine belastbare Lösung.
Woran du einen gefährlichen Flankenschaden erkennst
Tiefer Riss mit sichtbaren Gewebefäden
Besonders kritisch ist ein Riss, in dem helle oder textile Fäden sichtbar werden. Das deutet darauf hin, dass nicht nur die äußere Gummischicht betroffen ist. Auch wenn der Luftdruck noch normal aussieht, sollte der Reifen sofort aus dem Verkehr gezogen werden.
Beule, Wulst oder ungleichmäßige Form
Eine Beule entsteht häufig, wenn die innere Karkasse nach einem harten Bordstein- oder Schlaglochkontakt beschädigt wurde. Sie ist kein oberflächlicher Makel, sondern ein Hinweis darauf, dass sich die Seitenwand unter Druck verformt. Mit steigender Geschwindigkeit und Beladung wächst das Risiko eines plötzlichen Druckverlusts.
Lesen Sie auch: Wann müssen Autoreifen gewechselt werden? Die wichtigsten Kriterien
Feine Risse durch Alterung
Viele kleine, netzartige Risse entstehen durch Alterung, UV-Licht, Ozon, lange Standzeiten oder ungeeignete Lagerung. Solche Trockenrisse sitzen oft rund um die erhabenen Beschriftungen und werden bei älteren Reifen zunächst übersehen. Ich würde einen Reifen mit deutlich sichtbarer Alterung an der Flanke nicht mehr für eine lange Autobahn- oder Auslandstour einplanen.
Ein einzelner oberflächlicher Kratzer ist nicht automatisch mit einem tiefen Schnitt gleichzusetzen. Das lässt sich von außen aber nicht immer zuverlässig beurteilen. Nicht auf den Riss drücken, ihn aufbiegen oder mit Wasser und Seife selbst „testen“, sondern die Stelle von einem Fachbetrieb bewerten lassen.
Warum die Reifenflanke reißen kann
Die Ursache entscheidet mit darüber, ob zusätzlich Felge, Fahrwerk oder Bremsen kontrolliert werden müssen. Nach einem Kontakt mit einem Bordstein oder einem tiefen Schlagloch reicht es nicht, nur den sichtbaren Reifen anzusehen. Eine verbogene Felge oder eine beschädigte Radaufhängung kann den neuen Reifen später ebenfalls belasten.
- Bordstein- und Schlaglochkontakt: Der Reifen wird zwischen Hindernis und Felgenhorn gequetscht. Schäden können außen klein wirken und innen größer sein.
- Zu niedriger Luftdruck: Die Flanke walkt stärker, wird heißer und kann dauerhaft geschädigt werden. Bei Transportern verschärft sich das Problem durch hohe Achslasten.
- Überladung: Wird die zulässige Tragfähigkeit überschritten, arbeitet der Reifen außerhalb seiner vorgesehenen Belastung.
- Reifenalter: Gummi verliert mit der Zeit Weichmacher. Wärme, Sonne und lange Standzeiten beschleunigen diesen Prozess.
- Kontakt mit Chemikalien: Öl, Kraftstoff, Lösungsmittel oder aggressive Reinigungsmittel können die Gummimischung angreifen.
- Montagefehler: Beschädigungen an Felgenhorn oder Seitenwand können bei unsachgemäßer Montage entstehen und erst später sichtbar werden.
Gerade bei einem gewerblich eingesetzten Fahrzeug ist die Kombination aus niedrigem Luftdruck, hoher Beladung und langen Fahrzeiten problematisch. Nach meiner Erfahrung wird der Luftdruck bei Flottenfahrzeugen häufiger zu spät kontrolliert als das Motoröl. Dabei verändert bereits eine Abweichung vom vorgeschriebenen Druck das Fahrverhalten und die Wärmeentwicklung des Reifens.
Was du jetzt konkret tun solltest
- Sicher anhalten: Bei Luftverlust, Beule oder tiefem Riss langsam aus dem fließenden Verkehr fahren und das Fahrzeug sichern.
- Reifen nicht weiter belasten: Keine Weiterfahrt mit voller Ladung und keine Fahrt zur Werkstatt über die Autobahn.
- Schaden dokumentieren: Ein Foto von Riss, Reifenkennzeichnung und Kilometerstand kann bei einer Reklamation oder Schadenanalyse helfen.
- Fachbetrieb kontaktieren: Der Reifen sollte demontiert und auch auf der Innenseite geprüft werden.
- Ursache suchen: Felge, Ventil, Achsgeometrie und Fahrwerk müssen nach einem Anstoß mit kontrolliert werden.
Ist der Reifen platt oder stark beschädigt, sind Pannendienst oder Ersatzrad die sicheren Optionen. Ein Runflat-Reifen erlaubt unter bestimmten Bedingungen eine begrenzte Weiterfahrt bei Druckverlust, aber ein sichtbarer Riss oder eine Beule hebt diese Ausnahme nicht auf. Die Angaben des Reifen- und Fahrzeugherstellers haben hier Vorrang.
Nach dem Wechsel sollten die Radschrauben mit dem vorgeschriebenen Drehmoment angezogen werden. Bei vielen Fahrzeugen wird zusätzlich eine Kontrolle nach etwa 50 bis 100 Kilometern empfohlen, sofern der Hersteller nichts anderes vorgibt.
Ein Reifen oder gleich beide auf der Achse
Ob nur ein Reifen ersetzt wird, hängt von Profiltiefe, Alter, Antriebsart und Fahrzeugvorgaben ab. Rechtlich ist nicht automatisch jeder zweite Reifen auf der Achse auszutauschen. Technisch kann ein paarweiser Wechsel aber sinnvoll sein, wenn der neue Reifen deutlich mehr Profil hat oder die Gummimischung stark von der des alten Reifens abweicht.
| Situation | Sinnvolle Entscheidung |
|---|---|
| Der beschädigte Reifen ist fast neu, der zweite Reifen gleich alt und ähnlich abgenutzt | Oft genügt der Austausch eines Reifens mit identischem Modell und gleicher Spezifikation. |
| Deutlich unterschiedliche Profiltiefe oder stark verschiedenes Reifenalter | Beide Reifen der Achse ersetzen, damit Bremsen und Kurvenverhalten möglichst gleichmäßig bleiben. |
| Allradfahrzeug | Herstellervorgaben besonders genau beachten, da unterschiedliche Abrollumfänge den Antriebsstrang belasten können. |
| Transporter oder Lkw mit hoher Beladung | Tragfähigkeitsindex, Reifentyp und Achslast prüfen lassen. Ein Pkw-Reifen mit ähnlicher Größe ist kein gleichwertiger Ersatz. |
Auf der Lenkachse würde ich bei einem strukturellen Flankenschaden besonders konservativ entscheiden. Dort kann ein plötzlicher Druckverlust die Lenkbarkeit unmittelbar beeinflussen. Bei Nutzfahrzeugen zählt zusätzlich, dass ein Reifen nicht nur zum Felgendurchmesser, sondern auch zu Achslast, Geschwindigkeitsindex und Einsatzprofil passen muss.
So vermeidest du weitere Schäden
Der wirksamste Schutz beginnt mit dem Luftdruck. Kontrolliere ihn bei kalten Reifen und orientiere dich an den Angaben am Fahrzeug, nicht am Maximalwert auf der Reifenflanke. Bei einem beladenen Transporter gilt häufig ein anderer Druck als im unbeladenen Zustand.
- Reifen vor längeren Fahrten auf Risse, Beulen und Fremdkörper prüfen.
- Luftdruck mindestens monatlich und vor hoher Beladung kontrollieren.
- Bordsteine möglichst im flachen Winkel und langsam überfahren.
- Reifen vor Öl, Kraftstoff, Lösungsmitteln und dauerhafter Sonne schützen.
- DOT-Kennzeichnung prüfen. Die letzten vier Ziffern nennen Herstellungswoche und Herstellungsjahr.
- Bei ungewöhnlichem Ziehen, Vibrationen oder einseitigem Abrieb die Achsgeometrie prüfen lassen.
Bei Fahrzeugen, die wochenlang stehen, etwa Anhängern, Saisonfahrzeugen oder Reservefahrzeugen in einer Flotte, sollte der Zustand der Flanken regelmäßig kontrolliert werden. Ein Reifen kann äußerlich noch viel Profil haben und trotzdem durch Alterung oder Standplatten an Sicherheit verlieren.
Die nächste Fahrt sollte erst nach dieser Prüfung stattfinden
Ein seitlicher Riss am Reifen ist kein Schaden, den ich mit Luftnachfüllen, Kleber oder vorsichtigem Fahren lösen würde. Die sichere Standardentscheidung lautet Reifen entlasten, Fachbetrieb einschalten und bei strukturellem Schaden ersetzen.
Nach dem Wechsel sollte nicht nur der neue Reifen montiert werden. Lass auch die Ursache prüfen, besonders nach einem Schlagloch, bei wiederkehrendem Luftverlust oder auffälligem Verschleiß. So verhinderst du, dass der nächste Reifen an derselben Stelle beschädigt wird und dein Fahrzeug bei der nächsten Tour erneut zum Sicherheitsrisiko wird.